
© VOLLTOLL / Simon Boschi
Le discours de Mahtab Aziztaemeh pour les 75 ans de la Convention de Genève relative au statut des réfugiés (texte en allemand)
Le 23 juin 2026, une manifestation célébrant le 75ème anniversaire de la Convention de Genève relative au statut des réfugiés s'est tenue à Berne. Mahtab Aziztaemeh (coprésidente du Parlement des réfugiés et membre du comité directeur de l'OSAR) a rappelé l'esprit de cette convention dans un discours marquant. Le conseiller fédéral Beat Jans et le HCR étaient présents.
Sehr geehrter Herr Bundesrat Beat Jans, Liebe Anja und liebes UNHCR Team, sehr geehrte Damen und Herren, liebe Freundinnen und Freunde des Schutzes.
Ich möchte mit den Worten des persischen Dichters Saadi Shirazi beginnen — geschrieben vor über 800 Jahren: «Die Menschenkinder sind Mitglieder von einem Leib, von der Schöpfung her ein und dieselbe Essenz. Bringt das Schicksal ein Glied zum Schmerzen, dann lässt es die anderen Glieder nicht ruhig. Und falls du sorglos mit ihren Belangen umgehst, kannst du dich nicht als Mensch bezeichnen».
Acht Jahrhunderte alt — und doch könnte man meinen, Saadi habe den Geist der Genfer Flüchtlingskonvention vorausgeschrieben. Ich spreche heute aus der Perspektive einer geflüchteten Person, die sich beim Flüchtlingsparlament Schweiz engagiert. Nicht als Juristin. Nicht als Politikerin. Sondern als eine Geflüchtete, die Menschen begegnet ist — Menschen, die geflohen sind, die verloren haben, und die trotzdem wieder aufgestanden sind. Im Flüchtlingsparlament sitzen Menschen, die Krieg nicht aus den Nachrichten kennen — sondern aus eigener Erfahrung. Die wissen, wie es sich anfühlt, an einer Grenze zu stehen und nicht zu wissen, ob man durchgelassen wird. Die wissen, was es bedeutet, wenn Schutz nicht selbstverständlich ist — sondern ein Glücksfall. Für uns ist die Genfer Flüchtlingskonvention kein abstraktes Dokument. Sie ist der Unterschied zwischen Überleben und Nicht-Überleben.
Die Konvention entstand nicht aus Theorie. Sie entstand aus Versagen. Aus dem Versagen der Welt, als Menschen an Grenzen abgewiesen wurden — obwohl ihr Leben in Gefahr war. Nach dem Zweiten Weltkrieg, nach Millionen Toten, nach unvorstellbarem Leid, traf die internationale Gemeinschaft eine Entscheidung: Nie wieder dürfen Menschen schutzlos sein. Das ist nicht eine Zeile in einem Vertrag. Das ist ein Versprechen — an jeden Menschen, der fliehen muss, weil er in seiner Heimat nicht sicher ist. Was bedeutet dieses Versprechen konkret? Es bedeutet das Prinzip des Rückschiebungsverbots — du wirst nicht zurückgeschickt in Krieg, Folter oder Verfolgung. Das klingt technisch. Aber für einen Menschen an einer Grenze bedeutet es schlicht: Ich darf leben. Ich darf frei sein. Es bedeutet: Kinder können zur Schule gehen. Familien können zusammenbleiben. Menschen können wieder planen — nicht nur überleben. Es bedeutet Würde. Nicht als Geschenk. Sondern als Recht.
Im Flüchtlingsparlament erlebe ich Menschen, die heute in der Schweiz studieren, arbeiten, sich politisch engagieren. Die ihre Kinder in Sicherheit grossziehen können. Die zu dieser Gesellschaft beitragen — auf eine Art, die nie möglich gewesen wäre ohne internationalen Schutz. Das ist das lebendige Erbe der Genfer Flüchtlingskonvention. Und dennoch müssen wir ehrlich sein.
Die Konvention stösst an Grenzen. Sie ist ein Versprechen, das nicht immer und überall eingehalten wird. Nicht weil sie schlecht geschrieben ist — sondern weil der politische Wille zu ihrer
Umsetzung nachlässt.
Mehr Menschen sind heute auf der Flucht als je zuvor in der Geschichte. Gleichzeitig wird Schutz immer häufiger als Belastung dargestellt — statt als Verantwortung. Die Sprache wird härter. Die Mauern werden höher. Manche Regierungen behandeln die Flüchtlingskonvention wie ein Menü: Man wählt, was einem passt, und lässt den Rest liegen. Das ist kein abstraktes Problem. Das hat Gesichter. Das hat Namen. Das hat Konsequenzen. Genau deshalb ist die Arbeit des UNHCR so entscheidend. Das UNHCR erinnert Staaten: Schutz ist keine Option — es ist eine Verpflichtung. Es sorgt dafür, dass die Konvention nicht nur auf Papier existiert, sondern in den Gesetzen von Ländern und dadurch im Leben von Menschen ankommt. Es ist die Stimme derer, die an den Grenzen des Systems stehen. Dafür bin ich dankbar — gerade heute, in einer Zeit, in der internationale Verantwortung keine Selbstverständlichkeit mehr ist.
Sehr geehrter Herr Bundesrat, liebe Anja, sehr geehrte Anwesende: 75 Jahre Genfer Flüchtlingskonvention ist kein Anlass für Selbstzufriedenheit. Es ist eine Aufforderung. Sind wir bereit, diese Werte zu verteidigen — auch dann, wenn es politisch unbequem wird? Sind wir bereit, Menschenrechte für die Schwächsten ernst zu nehmen — nicht nur in Festreden, sondern konkret in politischen Entscheidungen? Sind wir bereit, uns mit all unserer Kraft den Tendenzen entgegenzustellen, die dieses wichtige und wertvolle Versprechen aushöhlen oder relativieren wollen? Sind wir bereit anzuerkennen: Schutz ist ein Recht. Kein Privileg. Kein Ermessen. Ein Recht.
Saadi schrieb vor 800 Jahren: «Wer mit dem Leid anderer sorglos umgeht, kann sich nicht als Mensch bezeichnen». Heute, 75 Jahre nach der Genfer Flüchtlingskonvention, sage ich: Wir haben dieses Versprechen abgegeben. Jetzt müssen wir es halten.
Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit. Und noch viel mehr: für Ihren konkreten Einsatz für dieses Versprechen.
Mahtab Aziztaemeh, 23. Juni 2026
